Interview mit Entwicklerin Frederike

veröffentlicht am 03 Nov 2021
von DigitalService4Germany

Frederike Ramin ist seit Dezember 2020 Software Engineer beim DigitalService4Germany. Vorher hat sie am Tech4Germany Fellowship Programm teilgenommen und am Hasso-Plattner-Institut studiert. In Fredes Kopf befindet sich eine halbe Songtext-Bibliothek - und zu jeder Gelegenheit der passende Song. Das macht sie bei Team-Events besonders beliebt.

Code zu schreiben, bedeutet viel Freiheit, Einfluss und Verantwortung.

Wir erlebst du den Teamspirit beim Digital Service?

Perfekt. Ich bin jetzt seit einem Dreivierteljahr dabei und schon fester Bestandteil des Teams. Der Digital Service hat mich wirklich mit offenen Armen empfangen. Auch im Projektkontext ist unser Team schnell sehr eng zusammengewachsen. 

Du warst zunächst Fellow bei Tech4Germany am Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. An welchem Projekt warst du dort beteiligt?

Wir haben dort eine Schnittstelle gebaut für die Pflanzenschutzmittel-Datenbank, die einen direkten Abruf relevanter Daten und einen leichteren Zugang zu diesen ermöglicht. Ganz frisch ist dieses Projekt jetzt offiziell an den Start gegangen: https://psm-api.bvl.bund.de/. Darauf bin ich schon etwas stolz. 

Du hast am Hasso-Plattner-Institut (HPI) studiert und während des Studiums als wissenschaftliche Mitarbeiterin dort gearbeitet. Was hast du am HPI gelernt?

Ich habe am HPI unglaublich viel über Teamwork gelernt und darüber, wie man Software schreibt und wie große Software-Systeme aussehen können. Wir haben während des praxisorientierten Studiums schon richtig viele Projekte gemacht und konnten uns so schon früh ein eigenes Portfolio aufbauen.

Du hast dort auch Jugendliche unterrichtet, richtig?

Ja, genau. Wir haben zusammen mit den Jugendlichen Lego Mindstorms Roboter programmiert, die fahren, Geräusche machen oder Farben erkennen konnten. Jede:r Jugendliche konnte über ein halbes Jahr ein eigenes Projekt unter Anleitung umsetzen. Das hat denen richtig viel Spaß gemacht. Wir haben das mit Java umgesetzt. Meine Aufgabe war es, grundlegende Konzepte des Programmierens zu vermitteln und Hilfestellung zu geben. Einmal hat mir eine Teilnehmerin rückgespiegelt, dass sie sich aufgrund meines Trainings entschieden hat, auch am HPI zu studieren. Das war schon ein tolles Gefühl.

Seit Dezember 2020 bist du beim Digital Service. Wieso hast du dich für diese Organisation entschieden?

Menschen. Durch meine Teilnahme am Tech4Germany Programm wusste ich schon, dass hier alle richtig offen sind. Und dass es garantiert viel Spaß machen wird, mit den Leuten zusammenarbeiten. Ich konnte es mir einfach vorstellen, wie toll es ist, beim Digital Service zu arbeiten – und das hat sich auch so bewahrheitet. Es gibt hier zum Beispiel Menschen, die sind so neu, dass wir uns noch nicht persönlich kennengelernt haben. Trotzdem bin ich mir aus irgendeinem Grund sicher, dass wir uns verstehen werden.

Wie wichtig ist dir Purpose bei Deiner Arbeit?

Ein wichtiger Faktor. Wir können so einen starken Impact haben. In ganz Deutschland. Es ist motivierend, dass wir zusammen mit der Verwaltung richtig was bewegen können. One project at a time. Uns allen liegt dieser Purpose am Herzen. Wir laufen alle in eine Richtung und das schafft ein echtes Gefühl von Zusammenhalt.

Mit welcher Mission seid ihr angetreten?

Die Verwaltung zu digitalisieren. Der Digital Service bringt neue Denk- und Arbeitsweisen in die Verwaltung. Mit unseren agilen Methoden zeigen wir direkt, wie es funktionieren kann. Wir wollen Bürger:innen die Interaktion mit der Verwaltung und Verwaltungsmitarbeitenden die Arbeitsprozesse mit unseren Softwareprodukten wirklich erleichtern.

Was sind Highlights deiner bisherigen Arbeit?

Ein Highlight waren die User Tests im Projekt Steuerlotse. Wir haben Nutzer:innen gebeten, mit unserem Programm ihre Steuererklärung abzugeben. Die sind dann unser Programm angeleitet Schritt für Schritt durchgegangen und haben uns Feedback gegeben: Was funktioniert? Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf? Das allgemeine Feedback unser Zielgruppe, den Rentner:innen, hat als Entwicklerin mein Herz erwärmt: „So einfach habe ich noch meine Steuererklärung gemacht.“ „Das war total einfach.“ „Der Prozess war total klar.“ Wenn man sich Gedanken macht und viel Arbeit in ein Softwareprodukt steckt, tut es einfach gut, positive Rückmeldung von den Nutzer:innen zu erhalten. Ganz klar ein Highlight.

Frede

Wie teilt ihr Wissen im Team?

Ein Beispiel: Gestern saßen wir in der Entwicklung in Sachen Front-End zusammen. Da kam eine Frage auf. Wir sind zu unserem Senior Developer gegangen und haben diesem die Frage gestellt. Unser Senior hat uns das Ganze dann erklärt und zwar ohne jedes Judgement von wegen: Das solltet ihr aber eigentlich wissen... Er ist einfach klar auf unsere Frage eingegangen und hat die beantwortet. Dieser offene Umgang mit Wissenslücken oder Fragen ist sehr gut. Ich kann immer sagen, wenn ich etwas nicht weiß. Und lerne so sehr schnell dazu.

Wie ist eure Fehlerkultur?

Wir haben wöchentliche Retrospektiven, wo wir uns offen über den Prozess austauschen und darüber, wo wir Verbesserungspotenzial sehen. Das ist eins unser wichtigsten Tools. Diesen Termin lassen wir nie ausfallen. Falls es einen Fehler in einem unserer Programme gibt, der Nutzer:innen Probleme bereitet, ist es unser Anliegen, diesen schnell zu finden und ebenso schnell zu fixen. Wenn uns das gelingt, feiern wir das als Erfolg.

Nach welchen Kriterien entwickelt ihr Software? Was sind eure Guidelines?

Nr. 1: Sie muss einfach funktionieren. Und natürlich entwickeln wir agil. Wir haben angefangen, das Projekt Steuerlotse mit einem bestimmten Scope zu entwickeln. Jetzt, wo das Produkt grundsätzlich steht, entwickeln wir es iterativ weiter. Jede Woche schauen wir: Welchen Mehrwert können wir jetzt für unsere Nutzer:innen schaffen? Das wird dann implementiert.

Wie garantiert ihr, dass ihr schnell iterieren könnt?

Indem wir die Pakete klein genug schnüren. Und so sicherstellen, dass wir unser Ziel in machbaren Schritten erreichen. Wir sind umsetzungsfokussiert und gehen lösungsorientiert vor. Wir sagen nicht: Wir machen Steuerlotse 2.0. Sondern eher Steuerlotse 1.1., 1.2., ...

Was macht für dich eine gute Software aus?

Während des Prozesses gilt es mitzudenken, was es an Technical Debts gibt und diese im Prozess abzubauen. Uns hilft es, dass wir viele Tests schreiben, die automatisiert ausgeführt werden. So können wir mit jeder Iteration sicherstellen, dass das, was wir in einer vorigen Version geschrieben haben, immer noch funktioniert und nicht durch das neue Feature beeinträchtigt wird. Wir publizieren laufend eine neue Version unserer Software (https://www.steuerlotse-rente.de/), die wir kontinuierlich weiterentwickeln.

Wie macht eure Arbeit das Leben der Nutzer:innen ein bisschen besser?

Unsere Arbeit im Projekt Steuerlotse erleichtert das Leben von Rentner:innen, weil die sich nicht mehr mit komplizierter, veralteter Software beschäftigen müssen, sondern wirklich eine sehr vereinfachte Version von Steuererklärung von uns bekommen.

Was zeichnet euch als Team aus?

Im Projekt Steuerlotse gibt es drei verschiedene Rollen: Unsere Designerin entwickelt die User Experience. Wir haben drei Produktmanagerinnen, die Features priorisieren und sich in das Steuerthema rechtlich fundiert einarbeiten und drei Entwickler:innen, die die priorisierten Features umsetzen. Als Entwicklerin habe ich auch Mitspracherecht bei der Priorisierung und gebe eine Einschätzung zum jeweils geschätzten Aufwand. Wir verfolgen im Team einen adaptierten Scrum-Prozess, der wöchentlich angepasst wird. Wann immer wir feststellen, dass irgendetwas noch nicht optimal passt, wird es passend neu gestaltet.

Wie erlebt ihr euch als Team?

Wir schätzen den persönlichen Austausch. Wir wollen als Team wissen, was im Leben der oder des Anderen vorgeht. Wir sind nicht nur Arbeitskolleg:innen, bei uns haben sich auch Freundschaften entwickelt.

Wie unterscheidet sich die Arbeit bei Tech4Germany von der Arbeit beim Digital Service?

Bei Tech4Germany wurde den Verwaltungsmitarbeitenden gesagt: Nehmt Euch bitte drei Monate lang 1 Tag/Woche Zeit für das Fellowship-Programm. Jetzt müssen wir uns diese zeitlichen Ressourcen in der Verwaltung etwas mehr erkämpfen. Der Impact, den wir mit dem Digital Service haben, ist aber größer. Als Digital Service übernehmen wir Verantwortung, dass am Ende des jeweiligen Prozesses wirklich ein funktionsfähiges Produkt steht, das einfach genutzt werden kann. Tech4Germany arbeitet eher frei und ergebnisoffen, was wieder seinen ganz eigenen Wert hat.

Was sind Vorteile von Open Source?

Im Digital Service ist Open Source ein Grundsatz. Wir wollen möglichst viel in the open entwickeln, um unsere Lösungen nachnutzbar zu gestalten für andere. Bei uns im Team haben wir beispielsweise zum frühestmöglichen Zeitpunkt unseren Code offengelegt. Da ist ein großer Community-Gedanke dabei. Zudem können Menschen von außen Einfluss nehmen und uns mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen in der Entwicklung unterstützen. Wir wollen gemeinwohlorientiert arbeiten und der Gesellschaft einen echten Dienst erweisen. Am Ende werden wir ja aus Steuermitteln bezahlt. Es ist also nur fair, die Software, die wir schreiben, zu teilen.

Frauen und Technik...

... ist das eine Frage? Ich tue mich mit der Frage schwer...

Warum?

Weil ich den Unterschied nicht verstehe. In meiner Lebensrealität spielt keine Rolle, wer Code schreibt. Mich interessiert mehr der Code und die Features. Ich kann mir natürlich vorstellen, dass es Frauen gibt, die das anders sehen. Es gibt ja einen Grund, warum das ein Thema in der Gesellschaft ist. Es ist nur einfach für mich nicht so ein großes Ding. Wobei ich wahrscheinlich bis hierher auch extremes Glück mit meinem Umfeld hatte. Beim Digital Service wird Gender Equality gelebt, da muss ich mir als weibliche Entwicklerin hinsichtlich Ungleichheit überhaupt keine Sorgen machen.

Was ist es für ein Gefühl, Code zu schreiben?

Am Ende der Prozesskette stehe ich und schreibe den Code. Es liegt als Entwicklerin in meiner Hand, was tatsächlich im Produkt vorkommt. Das ist ein Gefühl von viel Einfluss und extremer Freiheit. Aber auch viel Verantwortung. Und es macht einfach wahnsinnig viel Spaß: Du schreibst 10 Wörter und schon sieht eine Website komplett anders aus. Ich kriege also ein direktes Feedback, was passiert, wenn ich zwei Zeilen ändere. Das ist schon besonders. Immer wieder auf`s Neue. Programmieren wird wirklich nie langweilig.

Was hast du beim Digital Service nochmal neu gelernt?

Interdisziplinär zu arbeiten. Genial. Möchte ich nicht mehr missen. Das ist auch das erste Mal, dass ich Software geschrieben habe, die Nutzer.innen nutzen, mit denen ich als Entwicklerin im Austausch stehe. Dieses direkte Feedback ist extrem wertvoll für mich im Entwicklungsprozess.

Wenn der Digital Service ein Tier wäre, welches wäre es und warum?

Auf jeden Fall ein Rudeltier. Das ist schon mal klar. Wölfe sind wir nicht. Löwen... Nein, das passt auch nicht... Vielleicht am ehesten Hirsche. Man sieht sie noch nicht so oft. Aber das sind majestätische, anmutige Tiere.

Was hättest du gerne früher gewusst?

Es ist in Ordnung, zuzugeben, wenn man etwas nicht weiß. Informatik ist so ein krass weites Feld. Man kann sich nicht in allem auskennen. Das ist schlichtweg unmöglich. Also: Tu bitte nicht so, als wüsstest Du alles.

Was war dein letzter Aha-Moment?

Gestern, als ich verstanden habe, wie React Server funktionieren.

Was zeichnet eine lernende Organisation aus? Wie kommt neues Wissen in den Digital Service?

Wir haben beim Digital Service laufend neue Challenges und wollen die bestmöglichen Lösungen finden. In internen Austauschformaten zwischen den Teams teilen wir unser Wissen, unsere Learnings und unsere Stolpersteine offen mit der gesamten Organisation.

Wie lebt ihr Verschiedenheit?

Wenn wir als Team zu siebt an einem Thema arbeiten, bekommen wir sieben verschiedene Sichtweisen auf ein Problem. Und dann reden wir darüber. Jede:r bringt den individuellen Hintergrund, Kompetenzen und Überzeugungen ein und gibt Wissen offen weiter. Das feiern wir. Wir leveragen Verschiedenheit.

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