Mit einer zentralen Einkommensprüfung Kommunen entlasten
Kommunen stehen unter massiver Verwaltungslast. Bund und Länder haben sich deshalb zum Ziel gesetzt, Aufgaben zu bündeln und so Ressourcen zu sparen. Die Einkommensprüfung ist eine Querschnittsaufgabe für zahlreiche Sozialleistungen mit hohem Entlastungspotenzial. Bei einem zweitägigen Hackathon brachten wir gemeinsam mit der Föderalen IT-Kooperation (FITKO) bundesweite Fachexpert:innen und Umsetzungskräfte zusammen. Entstanden ist ein Prototyp, der zeigt, wie die Einkommensermittlung zentralisiert und automatisiert werden kann.
Aufgaben bündeln für einen effizienten, digitalen Staat
Zentrale Lösungen können Kommunen substanziell entlasten. Bund und Länder sprechen sich deshalb für eine Bündelung von Prozessen aus, festgehalten in der vierten Leitlinie der Förderalen Digitalstrategie. Auch nach der Föderaler Modernisierungsagenda soll dort, wo es sinnvoll ist, IT zentral bereitgestellt und dezentral genutzt werden. Die Einkommensprüfung bietet hier besonderes Potenzial, da sie als Querschnittsaufgabe für verschiedene Leistungen und in verschiedenen Behörden immer wieder durchgeführt werden muss. Ein zentrales Modul könnte damit große Hebelwirkung entfalten.
Einkommensprüfung: das Nadelöhr zum Sozialstaat
Einkommen ist oft die Grundlage für Sozialleistungen: Je nach Einkommenshöhe ergibt sich, ob man Anspruch auf Sozialleistungen hat oder nicht. Auch die Höhe der Leistungen ist oft vom Einkommen abhängig. Im deutschen Sozialstaat existieren dabei hunderte Leistungen mit jeweils eigenen Definitionen und Berechnungslogiken für das jeweils relevante Einkommen. Diese Fragmentierung führt zu erheblichen Hürden für Bürger:innen und die Verwaltung: Einkommen muss immer wieder neu berechnet und geprüft werden, um den Anspruch auf eine Leistung bewerten zu können. So müssen Daten, die dem Staat oft bereits an anderer Stelle vorliegen, für jeden Antrag erneut erhoben, eingereicht und händisch validiert werden.
Wie aufwendig die Einkommensprüfung ist, zeigt sich in der täglichen Arbeit von Verwaltungsmitarbeitenden. Eine analoge Bearbeitung liegt nicht selten noch immer an der Tagesordnung: so wird ein Großteil der Entgeltnachweise weiterhin in Papierform eingereicht. Der Prüfaufwand ist hoch: Plausibilitäten werden einzeln abgeglichen, Unterlagen in manuellen Rücklaufschleifen nachgefordert. Zudem sind Verwaltungsmitarbeitende von externen Faktoren abhängig: Das Warten auf Daten von Arbeitgeber:innen – etwa via rvBEA (Abkürzung für Rentenversicherung Bescheinigungen elektronisch anfordern) verzögert die Bearbeitung zusätzlich oder liefert nicht ausreichend Informationen.
Die Folge ist eine extrem hohe Last für die Mitarbeitenden in den Behörden. Mitunter sind Abläufe inzwischen so komplex, dass die Einarbeitungszeit für neues Personal weit über ein Jahr in Anspruch nimmt. Um die Verwaltung leistungsfähig zu halten und den Zugang zu Leistungen zu vereinfachen, sind digitale, automatisierte Lösungen und eine Harmonisierung der Datenprozesse unumgänglich.
In verschiedenen Gutachten wurde dieser Reformbedarf unterstrichen. Der Nationale Normenkontrollrat hat in einem Gutachten zur Bündelung im Föderstaat betont, welche Potenziale es mit sich bringen würde, die Einkommensprüfung zu modularisieren. Das Deutsche Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung hat in einer Studie untersucht, was es braucht, um die automatisierte Einkommensprüfung zu etablieren.
Die FITKO und der DigitalService haben die konzeptuelle Arbeit zum Anlass genommen, in die technische Umsetzung zu gehen und Hypothesen zu testen. So sollte ein Modul entstehen, das Einkommensdaten empfängt, digitalisiert, validiert und entscheidungsreif an Fachverfahren übergibt. Das Modul wird zentral bereitgestellt und in der föderalen IT-Architektur nachhaltig verankert.
Durch eine automatisierte Einkommensprüfung könnten so Zeit und Geld gespart werden. Man nehme das Fallbeispiel des Elterngeldes: Die Digitalrendite wäre mit 90 Minuten Zeitersparnis für Bürger:innen bei Antragstellung, 30 Minuten Zeitersparnis pro Antrag in der Bearbeitung sowie 20 Mio. Euro eingesparte Lohnkosten pro Jahr in der Antragsprüfung (Wirtschaftlichkeitsberechnung von ELFEConnect und dem Normenkontrollrat) beachtlich. Die freien Kapazitäten in der Verwaltung könnten für die Bearbeitung von komplexen Beratungsfällen eingesetzt werden und Familien effektiv entlasten. Welche Vorteile sich aus digitalisierten Prozessen ergeben, wurde in Interviews mit Expert:innen aus den Elterngeldstellen deutlich.
Interviewpartner:in aus der Elterngeldstelle
Durch die Datenlieferung aus der Rentenversicherung konnten wir unser Einkommensprüfungsteam halbieren.
Beim Hackathon konkrete Lösungen finden
Die FITKO und der DigitalService haben das zum Anlass genommen, um bei einem gemeinsamen Hackathon konkrete Lösungen zur Umsetzung eines Einkommensprüfmoduls am Beispiel der Leistung Elterngeld zu entwickeln. Rund 30 Teilnehmende aus Software-Entwicklung, Produktmanagement und Fachpraxis arbeiteten zwei Tage lang an der Frage, wie sich die Bearbeitungszeit bei der Einkommensprüfung deutlich verkürzen und Teilprozesse automatisieren lassen können. Beteiligt waren neben der FITKO und dem DigitalService Expert:innen von der L-Bank Baden-Württemberg, ELFEConnect, SPRIND sowie dem Start-up forml. Der Zusammenschluss aus föderaler Expertise und operativer Umsetzungsstärke auf Bundesebene war entscheidend für einen konsistenten Lösungsansatz.
Jonas Meinig, verantwortlich für das Hackathon-Projekt im Rahmen des Strategiemanagements bei der FITKO
Gerade bei komplexen Querschnittsaufgaben wie der Einkommensprüfung zeigt sich, wie wichtig es ist, im Strategiemanagement strategische Leitlinien früh mit fachlicher und technischer Umsetzung zusammenzudenken. Der Hackathon hat dafür einen wertvollen Raum geschaffen: unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und daraus einen belastbaren Ausgangspunkt für nachnutzbare Lösungen zu entwickeln.
Ergebnis: Ein Modul als zentraler Basisdienst
Vor Ort wurde am Beispiel des Elterngeldes ein Prototyp zur Einkommensprüfung entwickelt und validiert.
Im ersten Schritt werden aus Papierdokumenten maschinenlesbare Daten generiert. Eine Software scannt Nachweise, extrahiert und klassifiziert Daten. Im zweiten Schritt werden diese Daten auf Vollständigkeit und Plausibilität geprüft. Diese Prüfung lässt sich auch auf Daten anwenden, die von einer Schnittstelle geliefert werden. Das Modul kennt die unterschiedlichen Einkommensdefinitionen der Gesetze und kann daher vollständige und korrekte Angaben direkt an das Fachverfahren weiterleiten; bei unvollständigen Eingängen wird übersichtlich angezeigt, welche Informationen fehlen. Außerdem konnten wir so auch zeigen, wie Einkommensdaten etwa über rvBEA automatisch verarbeitet und verifiziert werden können. So konnten wir auch Ansätze für eine Weiterentwicklung der rvBEA-Schnittstelle identifzieren.
Auf Basis der Ergebnisse wurde ein Drei-Phasen-Konzept für die schrittweise Entwicklung eines zentralen, leistungsübergreifenden Moduls erarbeitet.
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Phase 1 – Pilotierung des Moduls (MVP): Gemeinsam mit einem Partnerland wird das Einkommensprüfmodul für eine erste Leistung umgesetzt.
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Phase 2 – Iterative Weiterentwicklung und Roll-out des Moduls: Das validierte Modul wird bundesweit bereitgestellt und um eine weitere Leistung erweitert.
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Phase 3 – Langfristige Verankerung im Ökosystem eines zentralen Moduls zur Einkommensprüfung: Als Teil des Deutschland-Stacks wird das Modul nachhaltig in die föderale IT-Infrastruktur integriert. Aufbauend auf NOOTS und FITConnect ermöglicht es Interoperabilität und die Bündelung von fachlichen Querschnittsaufgaben.
Klar wurde einmal mehr: Neben einer technischen Lösung für eine effizientere Einkommensprüfung ist auch eine rechtliche Harmonisierung des Einkommensbegriffs entscheidend. Über verschiedene Rechtsbereiche hinweg muss der Einkommensbegriff systematisiert und modularisiert werden. Wichtig scheint uns jedoch: Für eine technische Umsetzung eines Einkommensprüfmoduls muss nicht auf eine abschließende rechtliche Harmonisierung gewartet werden. Vielmehr können sich technische Umsetzung und rechtliche Harmonisierung gegenseitig informieren.
Durch die Entwicklung von Submodulen für jede Einkommensprüfung ergibt sich auch der benötigte Überblick, um auf eine semantische Harmonisierung der Einkommensbegriffe hinzuarbeiten. So können wir technisch informierte Entscheidungen treffen und Bürokratie abbauen.
Die Ergebnisse des Hackathons haben gezeigt, dass systematische Bündelungen die Verwaltung signifikant entlasten könnten. Vor allem die Einkommensprüfung kann eine starke Hebelkraft entfalten. Der entstandene Prototyp hat entsprechende Lösungswege aufgezeigt. Nun muss es in die Umsetzung gehen. Die Föderale Modernisierungsagenda könnte den Rahmen bilden, um jetzt auch auf Basis unserer Ergebnisse ein zentrales Modul zur Einkommensprüfung schrittweise umzusetzen.
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